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Stolpern, Rasen, Aussetzer: Wenn das Herz aus dem Takt gerät - wie schützt man sich vor Vorhofflimmern und seinen Gefahren?

Expertenpodium im Rahmen der Herzwochen 2018: Deutsche Herzstiftung und Krankenhausgesellschaft St. Vincenz informierten über Vorhofflimmern. „Herz außer Takt“ – unter diesem Motto standen die bundesweiten Herzwochen 2018 und auch das große Expertenpodium in der Limburger Stadthalle, welches die Kardiologie des St. Vincenz-Krankenhauses im Rahmen der alljährlichen Aufklärungskampagne der Deutschen Herzstiftung in Kooperation kardiologisch-internistischen Praxis Dr. Thiel veranstaltet hatte. Ein Thema, das auf überaus großes Interesse stieß: Rund 500 Interessierte nutzten die Chance, von den kardiologischen Experten über die verschiedensten Rhythmusstörungen des Herzens und vor allem deren Therapien informiert zu werden. Denn Herz außer Takt, oder mit anderen Worten: Vorhofflimmern, tritt in den verschiedensten Ausformungen auf. Welche Warnsignale gibt es und was muss man tun, damit es erst gar nicht dazu kommt? Diese und viele andere Fragen beantworteten die Kardiologen beim Limburger Podium und gaben den interessierten Zuhörer zahlreiche Tipps an die Hand, wie sie ihr Herz wieder leistungsfähiger machen können.

Rund 500 interessierte Menschen nutzten die Gelegenheit, mit den kardiologischen Experten ins Gespräch zu kommen und auch individuelle Fragen zu stellen.

Initiator des Limburger Expertenpodiums im Rahmen der Herzwochen: Vincenz-Chefarzt Prof. Dr. Stephan Steiner (Bildmitte), mit seinen Co-Referenten: Kooperationspartner Dr. Wilfried Thiel (rechts) und Assistenzarzt Daniel Kuhlewey. (links) und

Dr. Wilfried Thiel.

Assistenzarzt Daniel Kuhlewey.

Vorhofflimmern ist eine bedrohliche Volkskrankheit: An sich ist sie nicht lebensbedrohlich. Unbehandelt drohen jedoch ernste Folgen wie Schlaganfall oder Herzschwäche. Vorhofflimmern ist tückisch, weil es bei über der Hälfte aller Patienten ohne Symptome oder Beschwerden auftritt und dadurch lange Zeit unbemerkt bleibt. Die Herzwochen setzen daher auf Fachinformation aus erster Hand, um hierdurch möglicherweise gravierende Folgen eines unerkannten Vorhofflimmerns zu vermeiden.

Prof. Dr. Stephan Steiner, Initiator des Limburger Expertenpodiums, erläuterte die „Sprache des Herzens“. Denn normalerweise spüre man ja sein Herz nicht – es melde sich erst dann „zu Wort“, wenn etwas nicht in Ordnung sei, der Takt aus dem Rhythmus gerate. „Das Herz meldet sich entweder mit Schmerzen oder mit Luftnot und allgemeiner Schwäche. Es kann aber auch rasen oder völlig aussetzen“, beschrieb der Chefarzt mögliche Herzrhythmusstörungen. Während das Stolperherz eigentlich ungefährlich sei, spiele beim Kammerflimmern geradezu alles in diesem Bereich verrückt – eine sehr gefährliche Situation die ohne rasche Hilfe meist zum Tode führt. Anschaulich beschrieb er, wie der Herzschlag entsteht und wie der Sinusknoten den Puls über spezielle Leitungsbahnen überleitet. Tagsüber seien 60 - 90 Schläge pro Minute normal, nachts seien 45 – 55 Schläge pro Minute in Ordnung. Unter Belastung 180 Schläge/min vertretbar, die untere Grenze sei unter 40 Schlägen/min mit Ausnahme von Leistungssportlern.  

Auch Dr. Wilfried Thiel erläuterte in seinem Vortrag, wie man das Vorhofflimmern erkennt: Symptome, Gefahren und die Diagnostik vom EKG bis zum implantierbaren Recorder waren seine Themen. Anschaulich demonstrierte er die verschiedenen Formen des Vorhofflimmerns: „Herzstolpern , Herzaussetzer und Herzrasen  gleich Vorhofflimmern?“ fragte der Kardiologe und gab gleich selbst die Antwort: „Nein! Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Arrhythmie. Es kann nur mit dem EKG erkannt werden!“ Wie der Laie das Vorhofflimmern erkennen kann? In jedem Fall durch ausgeprägte Beschwerden, die den Betroffenen sehr beunruhigen:

  • Herzstolpern und Herzschlag bis zum Hals
  • Druckgefühl im Brustkorb
  • Angst
  • Atemnot
  • Schweißausbruch
  • Schwindelgefühl

In diesen Fällen sollte unbedingt ein Arzt aufgesucht werden, mahnte Dr. Thiel. Bei älteren Patienten trete Vorhofflimmern dagegen häufig ohne Beschwerden auf. Als Möglichkeit, Vorhofflimmern zu erkennen empfahl er vor allem das Pulsmessen. Thiel: „Jeder kann lernen, seinen
Puls zu fühlen.“ Häufig werde Vorhofflimmern bei der Selbstmessung des Blutdrucks bemerkt. Wer, ohne es zu wissen, Vorhofflimmern habe sei gefährdet, einen Schlaganfall zu erleiden

Thiel gab den Zuhörern auch eine genaue Anweisung an die Hand, wie die Herzfrequenz zu messen ist:

Fünf Minuten ruhig sitzen. Dann:

  • Mit dem Zeige- und Mittelfinger die Unterarmarterie suchen.
  • 30 Sekunden den Puls messen
  • Das Ergebnis verdoppeln, das ist die Herzfrequenz.

Auf diese Weise liessen sich auch Unregelmäßigkeiten des Pulses feststellen. Der Patient könne dagegen nicht zwischen häufig auftretenden Extraschlägen und dem Vorhofflimmern unterscheiden: „Das kann nur der Arzt mit einem EKG!“ Liege tatsächlich eine Herzrhythmusstörung vor, müsse eine Untersuchung des Herzens erfolgen, um Grundkrankheiten festzustellen, die zur Herzrhythmusstörung geführt haben, z.B.       

  •  Bluthochdruck
  •  koronare Herzkrankheit
  •  Klappenerkrankungen.

 Zu den diagnostischen Möglichkeiten, Herzrhytmusstörungen zu diagnostizieren zähle vor allem auch das Langzeit-EKG: Mit einem Langzeit-EKG gelingt es in vielen Fällen, Vorhofflimmern zu erfassen. Klassische Langzeit-EKGs zeichnen den Herzrhythmus u?ber 24 oder 48 Stunden auf. Moderne Langzeit-EKGs können sogar 7-Tage-Registrierungen durchführen.

Demgegenüber erfasse ein sog. Ereignis-Rekorder Herzrhythmusstörungen nur selten. Dieser sei etwa scheckkartengroß. Man lege ihn dem Patienten bei einer Herzrhythmusstörung auf die Brust, zur kontinuierlichen Überwachung könne er für etwa drei Monate auf die Haut geklebt werden.  Generell gelte: Etwaige Begleiterkrankungen (z.B. Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit, Herzschwäche, Diabetes) müssten konsequent mit Medikamenten und einem gesunden Lebensstil behandelt werden. Gleichzeitig empfahl der Kardiologe auch zahlreiche präventive Maßnahmen gegen das Auftreten von

  • Vorhofflimmern:
  • Ausdauertraining
  • Abnehmen (bei Übergewicht)
  • gesunde Ernährung
  • Rauchen unterlassen
  • Alkoholkonsum einschränken
  • Stress abbauen

Von den Ursachen seien die Auslöser zu unterscheiden:

  • starker Alkoholgenuss
  • Schlafmangel
  • Rauchen
  • große Mengen Koffein
  • opulente Mahlzeiten
  • extremer Stress.

Kardioversion

Über die therapeutischen Möglichkeiten der sog. Kardioversion informierte Daniel Kuhlewey, Assistenzarzt der Kardiologie am St. Vincenz-Krankenhaus. Kardioversion bedeute die Umwandlung einer Rhythmusstörung in den normalen Rhythmus (Sinusrhythmus). Dabei gelte es zwischen medikamentöser und elektrischer Kardioversion zu unterscheiden. Die elektrische Variante sei das schnellste und effektivste Verfahren, Vorhofflimmern zu beseitigen. Dabei werden durch einen kurzen starken Stromstoß (Elektroschock) alle Muskelzellen der Vorhöfe gleichzeitig elektrisch angeregt. Das beendet die raschen elektrischen Aktivierungen und kreisenden Erregungsfronten in den Vorhöfen. Kuhlewey: „Von einer Sekunde auf die andere tritt nach kurzer elektrischer Stille der normale Rhythmus (Sinusrhythmus) ein.“ Die elektrische Kardioversion werde unter einer „Kurznarkose“ durchgeführt und sei praktisch immer erfolgreich.

Wenn der Schock – was selten sei – nicht erfolgreich sein sollte, könne nach Vorbehandlung mit Medikamenten ein erneuter Schock erfolgreich sein. Grundsätzlich sei die elektrische Kardioversion ein sehr risikoarmes Verfahren. Sinnvoll sei es bei erheblichen Beschwerden während des ersten Auftretens von anfallsweisem Vorhofflimmern sowie bei anhaltendem (persistierendem) Vorhofflimmern trotz der Gabe von Rhyhtmus- stabilisierenden Medikamenten. Eine sorgfältige Vorbereitung sei sowohl für die medikamentöse, als auch elektrische Kardioversion notwendig. Die Kardioversion mit Medikamenten sei nur für Patienten ohne bedeutsame Herzerkrankungen sinnvoll. Die Therapie müsse - zumindest beim ersten Mal - in aller Regel in der Klinik unter laufender Kontrolle des EKGs und Überwachung des Patienten erfolgen. 

Ergänzend erläuterte Chefarzt Prof. Dr. Steiner, dass die medikamentöse Therapie heute eher zurückhaltend eingesetzt werde. Sie könne ihrerseits wieder zu Rhythmusstörungen führen, niedrige Dosierungen seien meist unwirksam, auch eine Wirkungsabnahme sei möglich. So gelte es, Nutzen und Risiken genau abzuwägen.

Die Verödung der Pulmonalvenen könne bei 70 bis 80 Prozent der Patienten zu einer Besserung führen. Ggf. sei diese Therapieform mehrfach durchführbar. Es sei eine aufwendige Procedur, aber durchaus ein Routineverfahren. Hier differenziere man zwischen einer Hochfrequenzablation oder einer Kryo (Kälte)-Ablation. Hochaktuell sei gerade die Information, dass die Ablation bei Patienten mit Herzschwäche die Prognose verbessert! Diese „„Breaking News“ seien gerade erst erstmals statistisch nachgewiesen worden.

In seinem Fazit zu den verschiedenen Therapieformen des Vorhofflimmerns hob Prof. Steiner nachdrücklich hervor, dass Therapie des Vorhofflimmerns gleichzeitig die Vorbeugung gegen den Schlaganfall ist. „Vorhofflimmern ist an sich nicht lebensbedrohlich. Unbehandelt drohen ernste Folgen: Schlaganfall und Herzschwäche.“ So seien neben Rhythmus- und Frequenzkontrolle, Medikamenten und Katheterverfahren (Verödung, Ablation) die Blutverdünnung (Marcumar, NOAK) sowie der sog. Vorhofohrverschluss relevant. „Etwa 30 Prozent der Schlaganfälle kommen vom Herzen“, warnte der Kardiologie-Chefarzt.

Allein in Deutschland leiden rund 1,8 Millionen Menschen unter Vorhofflimmern, jedes Jahr kommen Tausende hinzu. Während man diese Rhythmusstörung noch vor wenigen Jahren als „Schönheitsfehler des EKG“ abtat, weiß man heute: Vorhofflimmern ist eine ernst zu nehmende Herzrhythmusstörung, die unbemerkt und unbehandelt lebensbedrohlich für Herz und Gehirn werden kann - bis hin zu Herzschwäche und Schlaganfall. „Viele Patienten mit Vorhofflimmern klagen über einen erheblichen Verlust an Lebensqualität. Besonders dann, wenn sie nur zwischenzeitlich mal für ein paar Stunden oder Tage Vorhofflimmern haben und daher wissen, wie gut sich ein regelmäßiger Herzrhythmus anfühlt“, betont der Initiator des Limburger Expertenpodiums, Prof. Dr. Stephan Steiner.

Vorhofflimmern kann das Herz schwächen und Schlaganfall auslösen

Ein lange Zeit bestehendes Vorhofflimmern kann zu einer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) führen, welche die Leistungsfähigkeit erheblich der Betroffenen erheblich einschränkt und zu Einbußen an Lebensqualität führt. Aufgrund des unregelmäßigen Herzschlags können sich im Herz Blutgerinnsel bilden. Werden diese ausgeschwemmt und gelangen mit dem Blutstrom in den Kopf, verstopfen sie ein Hirngefäß. Je größer das verstopfte Gefäß, desto schwerer der Schaden – bis hin zum Schlaganfall.

Vorhofflimmern kann tückisch sein

Tückisch ist, dass Vorhofflimmern bei über der Hälfte aller Patienten ohne Symptome oder Beschwerden auftritt und dadurch lange Zeit unbemerkt bleibt. Nicht selten werden Patienten mit einer Herzschwäche oder einem Schlaganfall stationär aufgenommen und erfahren zum ersten Mal, dass ein Vorhofflimmern dafür verantwortlich ist. Das gilt verstärkt für ältere Patienten. Mit dem Alter steigt zugleich das Risiko für Vorhofflimmern[vSN1] . Die Deutsche Herzstiftung hat deshalb in ihrer Kampagne nicht nur über Ursachen, Diagnose- und Therapieverfahren intensiv aufgeklärt, sondern gleichzeitig auch die Bedrohlichkeit eines Schlaganfalls aufgezeigt: „Wir wollen die Menschen ausführlich darüber informieren, was sie selbst tun können, um sich vor Vorhofflimmern und seinen Komplikationen zu schützen. Wir wollen ihnen aber auch ihre Ängste vor dieser Rhythmusstörung nehmen“, betont Prof. Dr. Dietrich Andresen, Vorstandvorsitzender der Deutschen Herzstiftung.

Expertenratgeber „Herz außer Takt“

Grundlage der Herzwochen ist die neue Experten-Broschüre „Herz außer Takt. Der Ratgeber „Herz außer Takt: Vorhofflimmern“ informiert leicht verständlich über Ursachen aktuelle Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten des Vorhofflimmerns sowie über die Gerinnungshemmung. Die Broschüre wurde von renommierten Herzspezialisten verfasst und ist kostenfrei erhältlich:

Telefon: 069.955128400

E-Mail: bestellung(at)herzstiftung(dot)de

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