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Rückenschmerzen – was kann man tun? Oberarzt Martin Neubauer informierte über Therapiemöglichkeiten von Rückenschmerzen.

Statisch gesehen ist die menschliche Wirbelsäule ein wahres Wunderwerk. An Konstruktion und Funktionsvielfalt sucht sie ihresgleichen. Wir muten ihr viel zu und wissen oft nicht zu schätzen, was sie für uns leistet. Und so nehmen wir es vielfach als selbstverständlich hin, dass sie uns trägt und das über eine lange Zeit hinweg. Oft genug vergessen wir, dass auch wir selbst sie dabei unterstützen können und müssen: durch eine möglichst gesunde und entlastende Lebensweise. Denn Rückenbeschwerden sind ein ernsthaftes Problem. Über die Ursachen, Diagnostik und Therapieformen informierte im Rahmen der Patientenveranstaltung „Visite im Vincenz“ Martin Neubauer, Oberarzt der Abteilung Orthopädie und Unfallchirurgie des St. Vincenz-Krankenhauses, in der Limburger Stadthalle in seinem Vortrag „Rückenschmerzen – was kann man tun?“ Zahlreiche Besucher nutzten die Möglichkeit sich zu informieren und Fragen an den Experten zu stellen.

Zahlreiche Besucher hatten Fragen und suchten am Rande des Vortrags das Gespräch mit Martin Neubauer.

Viele Menschen sind von Rückenschmerzen betroffen – entsprechend groß war das Interesse am Vortrag in der Josef-Kohlmaier-Halle.

Martin Neubauer, Oberarzt in der Abteilung Unfallchirurgie und Orthopädie am St. Vincenz-Krankenhaus Limburg, sprach im Rahmen der Vortragsreihe „Visite im Vincenz“ in der Limburger Stadthalle über das Thema Rückenschmerzen.

„Rückenschmerzen“ ist eine der am häufigsten gestellten Diagnosen in Hausarztpraxen – und zwar über den gesamten Erdball verteilt. „Etwa 80 von 100 Menschen haben schon einmal Rückenbeschwerden gehabt“, berichtete der Mediziner. Die Hälfte der Betroffenen leide hin und wieder unter Schmerzen, fast ein Drittel jedoch chronisch, das heißt länger als zwölf Wochen. Viele dieser Patienten litten ständig unter Rückenschmerzen. Mit zunehmendem Alter nehme auch die Zahl der Betroffenen zu, bei den Frauen noch mehr als bei den Männern.
Grundsätzlich sind isolierte Rückenschmerzen nicht gefährlich, so Neubauer. Allerdings empfahl Neubauer schnellstens einen Arzt aufsuchen bei plötzlich auftretenden Lähmungserscheinungen, Muskelschwäche, Taubheitsgefühlen oder dann, wenn man den Urin oder Stuhl nicht mehr halten könne. Dieser müsse zeitnah abgeklären, was diese Symptome verursacht. Wenn man zu lange warte, könne es passieren, dass etwa durch einen Bandscheibenvorfall ein Nerv eingeengt und dieser dauerhaft  geschädigt wird.
Die Liste der in Frage kommenden Ursachen für Rückenschmerzen ist lang. In Betracht kommen unter anderem eine entzündliche Arthrose der Zwischenwirbelgelenke, Abnutzung und Verschleiß, auch mechanische Ursachen wie Fehlhaltung, Fehlbelastung, Bandscheibenvorfall, Osteoporose und vieles mehr. (Knochenschwund), Osteomalazie (Knochenerweichung), Scheuermann-Erkrankung, Skoliose, Wirbelgleiten (Spondylolisthese), eine Verengung des Spinalkanals (Spinalkanalstenose), eine Nervenwurzelreizung, auch chronisch-entzündliche Wirbelsäulen- und Gelenkerkrankungen (Spondyloarthritiden), darunter Morbus Bechterew, Entzündungen von Wirbeln, Bandscheiben oder Nervenwurzeln bei Infektionen mit Bakterien oder Viren, stoffwechselbedingte Knochenerkrankungen, Morbus Paget des Knochens, Tumore, Frakturen, Verletzungen sowie angeborene oder psychische Ursachen. In 85 Prozent der Fälle scheine jedoch die Ursache unklar. Es gebe allerdings verschiedene Auslöser von Rückenschmerzen. Ganz oben auf der Liste stehen mangelnde Bewegung, langes Sitzen, insbesondere am PC, eine falsche Matratze, ungewohnte Bewegungen, einseitige Belastungen, falsches Heben, ungesundes Schuhwerk und Stress im Alltag.
„Laut einer Statistik der Weltgesundheitsorganisation gelingt es 60 Prozent der Weltbevölkerung nicht, der Empfehlung von 30 Minuten moderater körperlicher Aktivität am Tag nachzukommen“, so Neubauer. Aber genau das sei nötig, um Rückenbeschwerden vorzubeugen, zu reduzieren und abzubauen. Denn um schmerzfrei zu funktionieren, ist die Wirbelsäule auf Unterstützung angewiesen: Unterstützung durch die Muskulatur, die sie trägt – am Rücken und ganz besonders auch durch die Bauchmuskulatur. „Häufiges Vorbeugen, etwa beim Sitzen am Schreibtisch, führt ohne Ausgleich zur Muskelverkürzung und in der Folge auch zu Schmerzen“, so der Mediziner. Am wirksamsten gegen Rückenbeschwerden seien deshalb Muskulaturaufbau und Muskelstärkung. Dabei empfahl der Orthopäde insbesondere Gymnastik – und Yogaübungen. Beides wirke beide besser als eine reine medikamentöse Therapie allein. Das Problem sei, dass lediglich Zwei- bis Dreiviertel der Patienten die Übungen auch tatsächlich umsetzten. Erst wenn all das nicht helfe, komme eine chirurgische Lösung in Betracht.
Ausführlich erläuterte Martin Neubauer Chancen, Risiken und Ablauf verschiedener operativer Eingriffe, insbesondere nach Verletzungen und Frakturen sowie bei Bandscheibenvorfall, Osteoporose, Verengung des Spinalkanals und Nervenwurzelreizung. 40 Prozent aller Frauen erlitten eine Fraktur infolge Osteoporose, hervorgerufen infolge einer Verminderung der mineralischen Knochenmasse und der Architektur der Knochenbälkchen. Anschaulich erklärte der Mediziner das dabei eingesetzte Operationsverfahren: Kyphoplastie, eine moderne Operationsmethode aus den USA, die an der Universität Heidelberg unter Mitwirkung von PD Dr. Joachim Hillmeier, dem heutigen Chefarzt der Orthopädie am St. Vincenz-Krankenhaus, für Deutschland und Europa etabliert wurde und die auch in Limburg eingesetzt wird. Die OP erfolgt minimalinvasiv mit zwei Schnitten von je zwei Millimetern. Über einen Ballonkatheter werde der Wirbelkörper aufgerichtet und der gebildete Hohlraum mit Zement aufgefüllt. Bei frischen Brüchen können die eingebrochenen Wirbelkörper so wieder aufgerichtet werden.
Unter einer Verengung des Spinalkanals und der darin verlaufenden Nerven, Blutgefäße und des Rückenmarks leide etwa ein Prozent der Bevölkerung ab dem 60. Lebensjahr, Frauen deutlich mehr als Männer. Aufgrund der höheren mechanischen Belastung in der Lendenwirbelsäule sei diese häufiger betroffen als die Halswirbelsäule. Hier werde die Infiltrationstherapie angewendet, ein Verfahren, bei dem flüssige Medikamente an Ort und Stelle injiziert werden. In sehr schweren Fällen kann die Stenose dann jedoch auch operativ behandelt werden. Schließlich ging Martin Neubauer auch auf Bandscheibenvorfälle ein. Auch hierfür stehen konservative und operative Verfahren am St. Vincenz-Krankenhaus zur Verfügung. Seine Empfehlung: Auch hier sollte erst dann, wenn alle Formen der konservativen Therapie ausgeschöpft sind, ein chirurgischer Eingriff erwogen werden.
„Möglichst trainieren statt operieren!“, lautete das Fazit des Orthopäden am Ende seines Vortrags. Flyer mit entsprechenden Übungen und Tipps stehen auf der Homepage des St. Vincenz-Krankenhauses zum Download bereit unter https://www.st-vincenz.de/ihr-aufenthalt/physiotherapie/.